Poesietherapie

Allgemein, Kunst Überall, Learn

Eine intelligente junge Frau, eine Autorin hat mich viele gelehrt. Ja, tatsächlich, ist das möglich als junge Frau, als Studentin intelligent zu sein und dabei, andere mit Wissen zu bereichern, ohne dabei in den Tonfall eines Lehrers zu verfallen. Sie erzählte sehr viel, an diesem Wochenende an dem ich sie zu sehen bekam. Vieles sickerte leider durch mich hindurch, doch ich glaube daran, dass ich ihre Botschaften mitnehmen konnte. Ich hoffe es.

Sie war es auch, die mir das Wort „Poesietherapie“ als Erste in den Kopf pflanzte.

Sich mit Poetik und Lyrik heilen, in dem man in seinen Erinnerungen gräbt, tief in die eigenen Bilder entschwindet und dann etwas schreibt, nur für sich, um sich selbst näher zu kommen.

„Durch das Schreiben verstehe ich erst meine Gedanken“

so oder so ähnlich hat es Elisabeth Gilbert in „Big Magic“ gesagt und tatsächlich entdeckt man vielleicht noch Unbewusstes in seinem Katalog aus Bildern. Es kommt ganz darauf an in welche Lage, du dich versetzt und wohin die Gedanken wandern.

Ein Anfang dafür, wäre zu schreiben: „Ich erinnert mich..“. Das wird immer weiter gesponnen, ganz egal, wohin man am Ende angelangt. Optional gibst du dir vorher ein Thema. Zum Beispiel eine Frage, oder ein Gegenstand.

Frage: Wann hast du dich (das erste Mal) wie ein Mädchen gefühlt?

Wann war ich ein Mädchen?- Poesietherapie

Ich erinnere mich an Kleider in meiner Kindheit. Ich hatte nie genug Kleider, nie genug Kleider und nie genug Kleider für meine Puppen. Ich hatte auch keine Probleme, Rosa zu tragen, aber Blau mochte ich noch mehr, nur sah ich es nie als eine Jungenfarbe. Ich sah mich nie als ein Junge, also musste ich doch ein Mädchen sein. Der Moment in dem ich den Gedanke fasste, ich sei ein Mädchen, war nie gekommen, wie die frühkindliche Erkenntnis man sei man selbst im Spiegel. Es muss geschehen sein, aber fern abseits dessen, was das Erinnerungsspektrum zulässt. Vielleicht mag es auch sehr öde klingen und stereotypisch , dass ich eben mit Puppen gespielt habe und bei Mutter-Vater-Kind entweder Tochter oder Mutter gespielt habe. So war es aber nun mal und Baby Borns haben mich auch angezogen, ganz egal, was die Werbung dazu zeigte. Ich war ein normales Mädchen und sah das Gute dieser Welt. Sollte ich mich dafür entschuldigen?

Ich habe auch mit Jungs gespielt, aber das soll keine Verteidigung sein. Ein lächerlicher Gedanke, denn vor was sollte ich mich verteidigen? Der Normalität?

Bewusst habe ich es sicher nicht wahrgenommen, aber unter Jungs habe ich erst richtig gemerkt, dass ich ein Mädchen bin und mich unterscheide. Beim Laufen, Springen und Hinsetzen draußen war ich stets darauf bedacht, meine Kleidung nicht zu verschmutzen. Ich spielte nicht beim Fußball. Ich durfte nicht, also schaute ich zu. Manchmal lief ich ins Feld oder nahm den Jungs den Ball weg, doch es half nichts.

Ich erinnere mich nicht jemals als Mädchen angesprochen worden zu sein. Ich trug Zöpfe und Kleider, mochte Ketten mit Perlen und Anhängern um meinen Hals, as gab es da noch Anderes zu bezweifeln? Ich war und bin ein Mensch.

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Als mein Zimmer jüdisch wurde

Allgemein, Learn, Stories


Self-made Literatur to go

Sie legt die Kaugummipackung zurück in die Schublade. Auch wenn sie noch genug Platz hat, aber die würde sie wahrscheinlich sowieso nicht brauchen. Was dann? Sie blickt  in ihren bunten Stoffbeutel- Zahnbürste, Holzkamm, ihre Stoffpuppe Ida und ein kleines Büchlein mit Stift, in dem sie manchmal notiert, was sie sieht oder denkt.

Ohne zu klopfen wird die Tür aufgerissen und ihre Mutter steht mit  Fatha im Arm. Sie versucht, das sich wehrende Baby mit noch mehr Kleidern zu bedecken, als sie ohnehin schon an hat.

,,Bist du fertig?”

,,Nein, ich brauche nur noch ein paar Minuten”

,,Na gut, aber dann komm und hilf mir.” Sie klingt gehetzt und so geht sie auch wieder davon. Hin und her schweben ihre Finger über den Regale. Ob sie noch ein Buch mitnehmen sollte? Papa hatte ihr gesagt sie solle sich mehrere Paar Schuhe mitnehmen, Feste versteht sich, also werden sie viel laufen. Da wird sie sicher keine Zeit haben zum Lesen. Was sie wirklich brauchen wird, merkt sie erst, wenn sie es nicht hat, so ist es immer. Ist es dann aussichtslos, überhaupt nach brauchbaren Sachen zu suchen?  Sie dreht sich um und lässt ihr ganzes Zimmer auf sich wirken. Es ist so ruhig und friedlich- aufgeräumt und unberührt.

Sie hört ein stilles Lebewohl von ihrer Seite. Daraufhin: die Antwort all ihrer Habseligkeiten mitsamt der Wände. Elisha hatte ihre Eltern eines Abends belauscht.  In der Küche hatte sie ihre Stimmen gehört zusammen mit Stimmen, die sie nicht zuordnen konnte. Die Wortfetzen handelten von Geld und Transportmitteln, das reichte ihr, um zu verstehen. Was für eine Angst sie hatte, das Pochen ihres Herzens würde sie verraten.

Sie ist nicht dumm. Ganz im Gegenteil gehört Elisha zu den besten Schülern ihrer Klasse, als sie noch zur Schule ging.. Seit ein paar Wochen war sie nun schon zu Hause und eigentlich hatte sie gedacht, sie würden alle wieder mit dem Unterricht fortfahren. Jetzt erinnert sie sich nur noch daran, wann sie Amalia das letzte Mal  gesehen hat. Es scheint wie ein anderes Leben.

Sie hat nicht erwartet, ihr Heim verlassen zu müssen auch wenn sie schon früher bemerkt hat, dass viele Kinder nicht mehr zur Schule gekommen sind. ,,Umgezogen”, bekam sie zu verstehen, aber sie verstand nicht. Warum wollten so viele Familien umziehen? Es ist doch so schön hier: Die Sonne und die sandigen Häusern umrankt von bunten Sträuchern und Palmen. Die süßen Datteln, genoss sie auch- mitgebracht von Mama und Papa. Einige  Menschen auf der Straße wirken zwar bedrückt und verbittert, aber das war doch kein Grund wegzuziehen.

,,Kommst du nun endlich?!” Sie erschrickt und hastet  aus ihrem Zimmer. Ihr Vater packt eilig noch immer die Essensvorräte in Rucksäcke. Die Küche ist so sauber und leer, genauso wie das Haus- als habe nie jemand darin gewohnt.

Ganz leise fühlt sie das Prickeln, die Aufregung vor dem Aufbruch.  Zum einen kann sie es kaum erwarten, andererseits hat sie Angst. Furchtbare Angst vor dem Sturm der fremden Welt. Egal, wohin sie gehen würden, es könnte nicht besser sein, als die Sonne umrahmt von ihrem Fenster mit den gemusterten Gardinen.

Immer zu dreht sie den Kopf nach hinten, und sieht, wie ihr Zimmerfenster  kleiner wird und das Haus mit der Straße und den anderen Häusern verschmilzt. Sie fürchtet sich, zu fragen, wo sie jetzt hingehen würden. Niemand sagt ein Wort während sie laufen. Der Steinboden ist langweilig also schmult sie immer mal auf die andere Straßenseite. Familien und Jugendliche hasten in der sommerlichen Hitze. Ein Mann telefoniert neben einem Hauseingang und fängt plötzlich ihren Blick.

Bis zu dem Zeitpunkt hat sie sich nie gefragt, warum sie ihr Heim verlassen müssen, denn sie sah auch Menschen in Häuser einziehen. Vollbeladene Autos und LKWs  vor den Hauseingängen der Nachbarstraßen. Die Kinder hatten andere Puppen und Spielsachen, die sie nicht kannte und die Mütter trugen kein Kopftuch. Irgendwann würde sie sich sicher eine Antwort geben können.

Sie sieht die Last in den Augen ihrer Eltern, aber vielleicht ist es auch nur ihr eigene Last, die sie auf dem Rücken spürt.

Ihr Leben wird nicht mehr so sein, wie es einmal war, aber vielleicht war das auch ganz gut so.